Streit um Patente: Unkenntnis und Interessen Dritter prägen die Debatte

Mon 4. Jun 2007

Wenn ich in der Zeitung lese oder im Rundfunk höre, wie in der Öffentlichkeit über Patente gestritten wird, habe ich manchmal den Eindruck, dass Unkenntnis die Debatte prägt. Es bedarf offenbar der Aufklärung, was Patente eigentlich bewirken und der Einsicht, was getan werden muss, um arme Länder mit Medikamenten zu versorgen.

Im Vorstand eines Pharmaunternehmens müssen wir jeden Tag entscheiden, woran Wissenschaftler arbeiten. Ob diese Arbeit erfolgreich sein und ob sie sich am Ende auszahlen wird - wer weiß dies am Anfang? Das Los eines Forschers in der Arzneimittelentwicklung ist, dass die meisten seiner Projekte scheitern. Manchmal passiert das sogar kurz vor der Ziellinie, nach zehn oder zwölf Jahren Forschungsarbeit, zum Beispiel weil sich in einer klinischen Studie ein Risiko für die Patienten zeigt, das niemand vorhersagen konnte. Im Durchschnitt haben wir intern und extern viele hundert Millionen Euro eingesetzt, ehe wir einmal ein neues Arzneimittel erfolgreich durch die Zulassung gebracht haben. Wir sprechen hier von 500 bis 800 Millionen Euro oder mehr, die wir aufwenden müssen, um ein neues Medikament zu entwickeln. Dafür könnte man zum Beispiel, grob geschätzt 1.600 Einfamilienhäuser bauen. Oder man könnte 40.000 Mittelklasse-Autos kaufen.

Aber wir besitzen am Ende keine Einfamilienhäuser oder Mittelklassewagen, sondern wir besitzen Know-how. Wir wissen dann von einer Substanz - meist einer, die sich chemisch herstellen lässt - dass sie heilt oder Leiden lindert. Wir haben ausgetüftelt, wie man sie herstellt. Wir haben ausprobiert, auf welchem Wege und mit welchen Hilfsstoffen sie in den Körper gebracht werden muss, damit sie genau dort ankommt, wo die Krankheit sitzt. Und wir haben herausgefunden, bei welchen Krankheiten man wie viel davon nehmen muss. Und wenn das Präparat dann in die Apotheken kommt, verbreiten wir unser Wissen auch auf Beipackzetteln und in der Fachliteratur, um Patient wie Arzt genau zu informieren, damit die Therapie erfolgreich ist. Nach der Zulassung werden viele detaillierte Informationen durch die Zulassungsbehörden aber auch im Sinne der Transparenz von den Herstellern öffentlich gemacht.

Spätestens ab diesem Moment könnte uns jeder Konkurrent mit ganz geringem Aufwand um die Früchte unserer Arbeit bringen, indem er das durch uns geschaffene Know-how nutzt, um eine Kopie des Medikaments herzustellen. Doch zum Glück gibt es Patente. Derjenige, der unser Präparat kopieren möchte, muss entweder noch ein paar Jahre warten, bis das Patent ausläuft, oder er braucht einen Lizenzvertrag mit uns, durch den wir ausgehandelt haben, ob und wie weit sich der Lizenznehmer an den Entwicklungskosten beteiligt.

Gäbe es keine Patente, könnten wir die Ausgaben nicht verantworten. Schlimmer noch: Es gäbe dieses Budget für Forschung gar nicht. Denn das Geld wäre dann von Anfang an so gut wie verloren. Gäbe es keine Patente, würden wir also nicht Arzneimittel entwickeln, sondern vielleicht Einfamilienhäuser bauen, denn die kann man mit einem Zylinderschloss abschließen und eine Alarmanlage daran montieren, so dass keiner wegnehmen kann, was man in langer und aufwändiger Arbeit produziert hat. Mit Know-how geht das aber nicht. Ich wundere mich immer wieder, dass produzierte Produkte, Land, Gebäude oder Nutzgegenstände besser gestellt sein sollen als Ergebnisse jahrelanger Forschung. Und viele Krankheiten, auch die, die wir heute noch gar nicht behandeln können, bedürfen jahrelanger Forschung und aufwändiger Entwicklung, deren Ergebnisse nur durch Patente geschützt werden können.

Schon seit Jahrhunderten gibt es Patente. Der Grundgedanke war damals wie heute: Wenn man einem Erfinder garantiert, dass er, zumindest eine Zeit lang, sein neu gewonnenes Know-how als “geistiges Eigentum” betrachten und vermarkten darf, dann wird er gerne Erfindungen machen, die in aller Regel - im Sinne technologischen oder medizinischen Fortschritts - der gesamten Gesellschaft nützen. Insbesondere bei Arzneimitteln ist dieser Aspekt des allgemeinen Nutzens ja auch eindeutig. Und gerade das Beispiel der HIV Medikamente zeigt, wie in vergleichsweise kurzer Zeit eine große Zahl wirksamer Medikamente erforscht, entwickelt und den Patienten zur Verfügung gestellt werden konnte, so dass Patienten, anders als vor zwanzig Jahren, heute nicht mehr AIDS sterben müssen.

Warum ich das alles voranstelle, obwohl es doch hier in diesem Weblog um die Not in den Entwicklungsländern geht? Es wird in der Debatte um Patente allzu oft vergessen, dass die Arzneien, die in Afrika immer mehr Menschenleben retten, nur deshalb entwickelt werden konnten, weil irgendwann ein Wissenschaftler eines forschenden Pharmaunternehmens eine gute Idee hatte, ein Vorstand sich entschloss, diese Forschung voranzutreiben und Zeit von Mitarbeitern und viel Geld bereitzustellen, um etwas zu erhalten, dessen Gegenwert zunächst nur Patente waren. Ohne die Existenz rechtssicherer Patente wäre deshalb das Leid mit Sicherheit noch größer.

“Aber die Preise…”, höre ich die Kritiker sagen. “…die Preise sind so hoch, weil die Patente den Unternehmen gehören! Die Unternehmen können die Preise deshalb viel zu hoch ansetzen, unbezahlbar für die arme Bevölkerung in den Entwicklungsländern!” Wir wären in der Debatte einen großen Schritt weiter, wenn die Kritiker einräumten, dass sie nicht in den Patenten ein Problem sehen, sondern in der Finanzierung einer Behandlung für jeden Bedürftigen.

Wir forschende Arzneimittelhersteller leisten im Hinblick auf die Finanzierung der Hilfsmaßnahmen eine ganze Menge: Wussten Sie, dass die Zahl der Menschen in den Entwicklungsländern, die mit drastisch verbilligten AIDS-Medikamenten behandelt werden, dreißig Mal so hoch ist wie die Zahl der mit solchen Mitteln in Deutschland behandelten Patienten? Allein in dem kleinen Land Botsuana werden mit diesen Medikamenten mehr als doppelt so viele Menschen behandelt wie in Deutschland, und die Arzneimittel werden dorthin selbstverständlich zu Sonderkonditionen abgegeben.

Mein Unternehmen stellt zum Beispiel ein Mittel her, mit dem sich die Gefahr mindern lässt, dass HIV-positive Mütter ihre Babys bei der Geburt infizieren. Wir geben das Mittel in mehr als fünfzig Ländern gratis ab - wussten Sie das?

Bei der Finanzierung und der Durchführung von Hilfsmaßnahmen stehen die forschenden Arzneimittelhersteller also mit in der ersten Reihe. Sie reduzieren die Preise für noch patentierte HIV-Medikamente beispielsweise um bis zu 90 Prozent in Entwicklungsländern. Das ist möglich, weil die Kosten für Forschung und Entwicklung in den höheren Preisen für das gleiche Medikament in Industrieländern erwirtschaftet werden. Wir nennen das “abgestuftes Preissystem”. Diese Vorgehensweise funktioniert aber nur, wenn sich alle Gruppen in der Gesellschaft einig sind, dass die wirtschaftlich stärker belastbaren Gesundheitssysteme in den “reichen” Ländern die Forschungslast tragen und Entwicklungsländer nur das absolute Minimum an Kosten tragen müssen.

Wie jede soziale Maßnahme, hat allerdings auch diese eine kleine Schwäche. Die Schwäche sehen wir dabei darin, dass das System von böswilligen Geschäftemachern missbraucht werden kann, die die für Entwicklungsländer bestimmten, günstigen Medikamente abfangen und re-exportieren in Industrieländer und die hohen Preise von dort in die eigene Tasche stecken. Das müssen wir verhindern.

Wir müssen noch kurz über die Produktionskosten nachdenken. Auch wenn die forschende Pharma-Industrie die Preise für AIDS-Medikamente in Entwicklungsländern sehr stark absenken kann, so wird sie mit den Löhnen und Gehältern, die für eine Produktion beispielsweise in Deutschland und den USA gezahlt werden müssen doch nie auf ein Preisniveau kommen, dass Hersteller von Nachahmerprodukten in Billiglohnländern erreichen können. Aber auch hier haben wir Lösungen. Wir vergeben beispielsweise freiwillige Lizenzen für unsere patentierten Produkte an Hersteller in Südafrika, Ägypten oder Kenia. Einige Unternehmen bieten diese freiwilligen Lizenzen jedem an, der billiger für Entwicklungsländer produzieren kann.

Aber Medikamente sind ja nicht das einzige, woran es fehlt. In vielen Ländern muss zunächst eine medizinische Infrastruktur aufgebaut werden, mit Ärzten, diagnostischer Ausrüstung und Apotheken, ehe es Sinn macht, Arzneimittel heranzuschaffen. Wenn wir die gesundheitlichen Notlage in den Entwicklungsländer richtig angehen wollen, brauchen wir deutlich mehr finanzielle Mittel als nur für Arzneimittel. Und das Engagement von denen, die solche Gesundheitsinfrastruktur überhaupt installieren können.

Deshalb kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Debatte über Patente von einer sehr viel unangenehmeren Diskussion ablenken soll: Eigentlich müssten nämlich die Politiker den Steuerzahlern sagen, dass sie mehr Steuern benötigen, um zu helfen; die Hilfsorganisationen müssten ihren Spendern gestehen, dass die Spenden vorne und hinten nicht ausreichen; und die Vereinten Nationen sowie ihre Gesundheitsorganisation WHO müssten öffentlich Kritik äußern an der Verteilung von Macht und Wohlstand innerhalb ihrer Mitgliedsstaaten. Kurz: Alle Beteiligten müssten zugeben, dass ihr eigenes System bislang nicht sehr gut zu helfen in der Lage war. Da ist es doch verlockend, sich stattdessen erst einmal auf das Thema Patente einzuschießen.

Dabei gibt es sogar Belege dafür, dass Patente nicht für unzureichende Versorgung mit Medikamenten verantwortlich sind. Es gibt nämlich viele Arzneimittel, deren Patentschutz längst abgelaufen ist, deren Herstellung nur Pfennigbeträge kosten - und die trotzdem den Patienten in Entwicklungsländern nicht zur Verfügung stehen. Am traurigsten ist das Beispiel von Präparaten gegen Durchfallerkrankungen. Denn in den armen Ländern sterben mangels Behandlung jährlich etwa 1,8 Millionen Menschen daran - in erster Linie Kinder.

Das Beispiel ist leider keine Seltenheit: Fünfundneunzig Prozent jener Arzneimittel, die von der WHO als essenziell wichtig für die Gesundheitsversorgung eingestuft worden sind, unterliegen keinem Patentschutz mehr. Trotzdem sind diese Arzneimittel da, wo sie dringend benötigt würden, oft nicht verfügbar.

Noch ein Beispiel: Indien könnte derzeit jedes verfügbare AIDS-Medikament in Kopie, also als Generikum, herstellen, ohne Lizenzgebühren zahlen zu müssen. Das geschieht auch, aber leider haben nur sehr wenige indische Aids-Patienten etwas davon. Denn die Versorgung behandlungsbedürftiger AIDS-Patienten mit Arzneimitteln ist in Indien noch schlechter als in vielen afrikanischen Ländern. Bei geschätzt 5,7 Millionen Infizierten erhalten gerade einmal 70.000 eine Therapie. Zum Vergleich: In Deutschland benötigt etwa jeder zweite HIV-Infizierte eine medikamentöse Therapie und erhält sie auch.

Blicken wir weiter auf die internationale Bühne: Internationale Abkommen sehen zwar vor, dass als ultima ratio Patente aufgehoben werden dürfen, wenn ein akuter Gesundheitsnotstand nicht anders überwunden werden kann. Und es ist auch gut, dass es diese Regelungen gibt, denn niemandem ist daran gelegen, dass etwa wegen Lizenzgebühren in einem armen Land Menschen nicht lebenswichtige Arzneimittel erhalten.. Was aber ist, wenn Länder, die alles andere als arme Entwicklungsländer sind, von dieser Notregelung Gebrauch machen? Länder, die nach Jahren starken Wachstums zu den fünfundzwanzig führenden Industrienationen gehören - noch vor Australien, Dänemark, Norwegen oder den Vereinigten Arabischen Emiraten. Wieso eigentlich können sie die Kosten für die Behandlung ihrer Kranken nicht aufbringen? Müsste man zur Beantwortung dieser Frage nicht auch darüber sprechen, wie gut Sozialstaat und Gesundheitswesen dort eigentlich funktionieren?

Will sagen: Auch international gibt es so manche Interessengruppe, der Kritik an Pharmapatenten gerade recht kommt. In Wirklichkeit ist jedoch die Frage einer ausreichenden Gesundheitsversorgung in Entwicklungsländern in erster Linie eine Verteilungsfrage, teils national, teils international.

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Archiv Eintrag

Datum des Beitrags
04. Jun 2007 um 10:29
Autor:
Dr. Dr. Andreas Barner, Boehringer Ingelheim & VFA